Freitag, 12.08.2022 11:19 Uhr

Neues Angebot: Long-Covid Netzwerk

Verantwortlicher Autor: David Aebischer Solothurn, 19.06.2022, 11:15 Uhr
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Dr. med. Maja Strasser. Fachärztin für Neurologie
Dr. med. Maja Strasser. Fachärztin für Neurologie  Bild: (Bildquelle: Dr. med. Maja Strasser)

Solothurn [ENA] Das Krankheitsbild Long-Covid oder Post-Covid ist teilweise immer noch relativ diffus. Fest steht allerdings unumstösslich: Immer mehr Menschen sind davon betroffen. Die Studienhinweise verdichten sich, dass Long-Covid oft sogar mit andauernder Entzündung des Gehirns einhergeht.

Da Impfungen nicht voll davor schützen (Wirkung 15-50%) ist eine Haltung wie, „bekommt sowieso jeder“, falsch. Britische Forscher haben herausgefunden, dass acht bis zehn Prozent der Corona-Infizierten längerfristig gesundheitlich beeinträchtigt sind: Sie leiden nach wie vor unter Geschmacks- und Geruchsverlust, haben Kopfschmerzen oder Gedächtnisprobleme, leiden an Kurzatmigkeit und sind ständig müde. Dass Long-Covid viele Corona-Infizierte trifft, bestätigt auch eine deutsche Studie, die erforschte, welche Faktoren das Risiko dafür erhöhen. Wie viele Menschen es genau betrifft, ist nach wie vor schwer zu beziffern. Die Symptome sind sehr vielfältig und schränken das „normale“ Leben teilweise massiv ein.

Leider sind auch immer mehr Kinder davon betroffen. Das zeigt auch eine Fallstudie mit schwedischen Kindern. Long Covid und Post Covid Long Covid bezeichnet einen Zeitraum von mindestens vier Wochen nach der Infektion. Post Covid bedeutet, dass die Beschwerden mindestens zwölf Wochen anhalten. Langzeitfolgen sind bei Viruserkrankungen leider völlig normal, denn fast jede Viruserkrankung kann auch Langzeitverläufe zeigen.

Als Langzeitfolgen von Covid-19 zählen hauptsächlich folgende Symptome: Übermässige Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue) Kopfschmerzen kognitive Probleme („Brain fog“, Einschränkungen von Gedächtnis, Konzentration und Aufmerksamkeit usw.) Husten Kurzatmigkeit und Atembeschwerden Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn Schlaflosigkeit Muskelermüdung/Muskelschmerzen Schmerzen in der Brust Intermittierendes Fieber Hautausschläge Beschwerden nach körperlicher Anstrengung

Neue Studie Auch drei Monate oder länger nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 leiden viele Menschen noch an Symptomen wie starker Müdigkeit, Atembeschwerden, Herzrasen, Schlafstörungen oder einem vernebelten Gehirn. Die meisten Studien – ganz aktuell auch eine Auswertung der US-Gesundheitsbehörde CDC – kamen bislang zum Schluss, dass das Risiko, nach einer durchgemachten Corona-Infektion an Long-Covid zu erkranken, gar bei 20 Prozent liegen könnte.

Long-Covid belastet die Patienten unterschiedlich lange. Zwölf Monate sind keine Seltenheit und es kann bislang noch nicht gesagt werden, wann die Krankheit genau beendet ist. Dies bestätigen und beobachten in der Praxis sowohl Expertinnen und Experten, wie auch Ärztinnen und Ärzte. Darunter auch Frau Dr. Maja Strasser, die ein wegweisendes Projekt lanciert hat, das hoffentlich bald viele Nachahmer findet. In Solothurn hat sie das Projekt „Long-Covid Netzwerk“ ins Leben gerufen, das auch sofort für grosses Echo sorgte. Das Interesse ist riesig.

"Ziel des Netzwerks ist nicht nur, möglichst vielen Long-Covid Betroffenen eine korrekte Abklärung und Therapie zu geben, sondern auch die Hausärztinnen und Hausärzte zu sensibilisieren, damit früher Massnahmen getroffen und auch leichtere Fälle optimal behandelt werden. Deswegen ist das „Long-Covid Netzwerk Solothurn“ niederschwellig organisiert.", führt Dr. Maja Strasser aus.

Long-Covid – keine Modekrankheit, nicht psychosomatisch! Leicht verständlich erklärt Dr. Maja Strasser denn auch auf der Projektseite, wie es sich aktuell um Long-Covid verhält: „Wenn man bedenkt, dass eine Grippe oder Lungenentzündung mehrere Wochen Erholungszeit nach sich zieht, ist es nicht überraschend, dass sich viele einige Zeit nach COVID-19 noch nicht wiederhergestellt fühlen.“ Dr. Strasser spricht aus Erfahrung. Viele Long-Covid-Patienten werden ihr zugewiesen. In ihrer neurologischen Praxis deckt Dr. Strasser das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen bei Schulkindern und Erwachsenen ab.

«Manche behaupten, Long-Covid sei eine Modekrankheit oder rein psychosomatisch. Viren sind aber anerkannte Auslöser für Postvirale Erschöpfungssyndrome. So hatten fast zwei Drittel der Betroffenen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Erschöpfungssyndrom einen viralen Infekt zu Beginn der Erkrankung. Und auch nach SARS (2003, ausgelöst durch einen ganz ähnlichen Virus wie die jetzige Pandemie) wurden Langzeitfolgen oft beobachtet.» Dr. med. Maja Strasser. Fachärztin für Neurologie

Abklärungen und Therapie Insbesondere nach einem leichten Verlauf, wenn COVID-19 ambulant behandelt wurde, sind diagnostische Standardmethoden fast immer unauffällig (zum Beispiel Röntgen und CT der Lunge oder Testung der Lungenfunktion bei Atembeschwerden). Eine kleine britische Pilotstudie konnte jedoch mit einem ganz neuartigen Verfahren (hyperpolarisiertes Xenon-MRI) einen gestörten Gasaustausch in der Lunge nachweisen. Unsere diagnostischen Standardmethoden können gewisse Störungen nicht nachweisen, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass diese psychosomatisch sind!

Das Netzwerk schreibt weiter, dass die Behandlung von Long-Covid/Post-Covid symptomatisch und unterstützend (supportiv) sei. „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es leider keine spezifische Therapie und keine wissenschaftlich erwiesene Heilung. Das ist jedoch kein Grund für Hoffnungslosigkeit. Bei einer Mehrheit der Betroffenen können durch angepasste Therapien die Beschwerden gelindert werden und eine verbesserte Lebensqualität erreicht werden.“ Zentral dabei sei das Pacing, also „eine vorsichtig dosierte Belastung unterhalb der individuellen körperlichen und geistigen Limite“. Unterstützend würden auch Medikamente eingesetzt.

Lage an der Front

Wir haben Frau Dr. Med. Maja Strasser in ihrer Praxis in Solothurn kontaktiert und wollten wissen, mit was für Fällen sie konkret zu tun hat, damit man sich ein Bild von der Lage an der Front machen kann. «Sehr eindrücklich ist ein junger Mann Mitte 20, der nach einem leichten Verlauf der akuten Infektion seit Monaten arbeitsunfähig ist, praktisch nur noch auf dem Sofa liegt, den Kopf kühlt und von seiner Verlobten gepflegt wird. Auch leichte Anstrengung, zum Beispiel eine Etage Treppen steigen, führt zu einer ausgeprägten Malaise. Während einer Woche konnte er sich nicht einmal duschen. Erst nach fast sechs Monaten wurde die Diagnose gestellt und die richtige Therapie eingeleitet.

Während er früher viermal wöchentlich intensiv Sport getrieben und jeden Tag 10-12 Stunden gearbeitet hatte, wirkt er jetzt wie ein nasser Waschlappen, ohne Energie.» «Eine blitzgescheite Studentin hatte während einiger Wochen so starke kognitive Defizite, dass sie im Supermarkt nicht mehr wusste, wie man den Preis des offenen Gemüses herausfindet. Nachdem sie minutenlang in der Gemüseabteilung umhergeirrt war, hat sie ihre Mutter angerufen, welche es ihr erklärte. Glücklicherweise hat sie sich ohne spezifische Therapie vollständig erholt.» «Ein ehemals sehr sportlicher Mann anfangs 30 hatte sieben Monate nach einem leichten Verlauf von COVID-19 so starke Atemnot, dass er selbst im Liegen gekeucht hat.»

Fazit Einig sind sich Land auf, Land ab alle. Die Langzeitfolgen von Corona werden in der öffentlichen Diskussion künftig eine grosse Rolle spielen. Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend, der Arbeitskräftemangel wird besonders im Gesundheitswesen und in den Schulen massiv verstärkt und die Sozialversicherungen werden vermehrt beansprucht. Uneinig ist sich bisweilen die Politik, ob sie das Thema Long Covid jetzt endlich angehen sollte. Wir finden, dass es endlich höchste Zeit ist, auch hier aktiv zu werden.

‍Long-Covid Netzwerk Solothurn Die Spezialistinnen und Spezialisten des Long-Covid Netzwerks Solothurn klären leicht bis mittelschwer von Long-Covid Betroffene ab, schliessen andere Erkrankungen aus und therapieren fachgerecht nach aktuellen Leitlinien und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Zuweisung erfolgt über Hausärztinnen und Hausärzte, welche gebeten werden, Vorabklärungen vorzunehmen.

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