Montag, 22.04.2024 23:38 Uhr

Kultur für das Leben gewaltbetroffener Kinder

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Bogota, 23.02.2024, 22:29 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 5172x gelesen
Benposta mit Spiel und Sport
Benposta mit Spiel und Sport  Bild: Kurt Lehberger

Bogota [ENA] Die neue Heimat der hier untergebrachten Kinder und Jugendlichen ist ca. 3 km von Bogota entfernt und durch eine gut ausgebaute Straße auf 3.000 Meter Höhe zu erreichen. Das Gelände von Benposta ist wunderschön. Alles ist grün. Es gibt viele Bäume, Wege zu den Häusern und Sitzgruppen im Freien.

Die Kinder und Jugendlichen sind alle von Gewalt betroffen. Sie werden psychologisch und pädagogisch betreut. Wir werden von den acht „Minister*innen“ und der gewählten “Bürgermeisterin“ herzlich empfangen und durch das Gelände und in die Gebäude geführt. Wir können die Kantine, Küche, Bäckerei, Schlafräume, IT- und Internet-Raum, Karate-Raum, Musik-Raum, Theater und den Versammlungsraum besichtigen. Die Organisation beruht auf dem Prinzip der Selbstverwaltung. Die Selbstverwaltung gelingt mit Hilfe der Erwachsenen. Alles ist streng geregelt. Problem werden angesprochen und in kleinen Gruppen diskutiert, weiter nach oben gereicht, wenn keine Lösung gefunden wird. Angestrebt wird eine gerechte Lösung.

Keine Mehrheitsentscheidung, sondern ein Konsens soll erreicht werden unter der Beteiligung von allen. Auf dem Gelände ist eine Tafel angebracht, die das Motto der Bildungs- und Entwicklungsstätte treffend beschreibt: “Lucho por una education que nos ensene a pensar, y no por una education que nos ensene a obedecer - Ich kämpfe für eine Bildung, die uns das Denken lehrt, und nicht für eine Bildung, die uns das Gehorchen lehrt. Paulo Freire. Die Kinder lernen Leadership, sich selbst und andere zu führen, eine Vision zu entwickeln und die notwendigen Ressourcen dafür zu mobilisieren.

Die Gemeinschaft besteht aus 90 Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 bis 19 Jahren und zehn Erwachsenen, die seit ihrer Kindheit hier leben. So ist der Percussion-Lehrer als Kind im Alter von 12 Jahren hier in der Gemeinschaft aufgenommen worden. Er ist heute Lehrer und Coach und wohnt und lebt auf dem Gelände. Ein Wochenplan für die Aufgaben wie Kochen, Backen, Küchendienst und Aufräumen wird erstellt. Die Verantwortlichkeiten wechseln wöchentlich per Rotation. Delegierte bringen ein aufgetretenes Problem ein. Die „Regierung“ nimmt sich den Themen an und sucht eine Lösung. Ein Zusammenleben in Harmonie und ohne Gewalt wird praktiziert. Die NGO Benposta gibt es seit 50 Jahren. Sie setzen sich für Kinderschutz und Prävention ein.

Was bedeutet gewaltbetroffene Kinder? Sie sprechen mit uns vertrauensvoll darüber. Auszüge des Gespräches: Amaranta (Name ist geändert) ist 18 Jahre alt. Sie gehörte einer Gruppe an, die sich in einem Gebiet mit hoher Kriminalität zusammenrottete. Die Jungen stahlen, die Mädchen prostituierten sich. Sie wurde aufgefordert mit einem jungen Mann für 4.000 kolumbianische Pesos (ca. 1 Euro) zu schlafen. Sie besuchte zwei Jahre lang keine Schule. Im Jahre 2020 wendete sie sich an Benposta und wurde nach einem Interview aufgenommen. Sie möchte später ein Studium beginnen. Sie berichtet uns von bewaffneten Gruppen, die Kinder rekrutieren. Die Kinder bleiben in den Gruppen, da sie keine Alternative finden. Es gibt keine Arbeit, keine Ausbildung.

Ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist. Ihre Cousine war in Benposta, das gab den Anstoß. Bei der Bewerbung half ihre Schwägerin. Sie berichtet uns, dass sie ihre verborgenen Fähigkeiten hier kennengelernt und Selbstvertrauen aufgebaut hat. Jose (Name ist geändert), 17 Jahre alt, berichtet von seinen Erfahrungen mit den para-militärischen Gruppen. Die Kinder werden von illegalen Gruppen, oft para-militärische Guerilla-Gruppen rekrutiert. Sie erhalten erst etwas Geld als Mitglied, später bekommen sie eine Waffe oder z.B. ein Motorrad. Sie lernen z. B. wie man Bomben baut und sie in die Schule schmuggelt. Sie erhalten nach einer Probezeit eine militärische Ausbildung und werden schließlich zum Fronteinsatz geschickt.

Das ist leider in Kolumbien keine Vergangenheit, sondern immer noch Realität. Die ELN, die letzte bekannte große bewaffnete Guerilla-Gruppe mit ca. 5.000 bewaffneten Kämpfern, hat am 20.02.24 die Verhandlungen mit der Regierung aufgekündigt (Pressemitteilung über APS, publiziert von France24.) Die Kinder, die hier bei Benposta leben, sind der Rekrutierung entkommen. Sehr häufig haben sie dafür ihre Familie verlassen müssen, um hier leben zu können. Rebeca (Name ist geändert), 17 Jahre alt. Sie war 12 Jahre alt und hatte für zwei Monate einen Freund in einer para-militärischen Gruppe. Es gab in ihrer Heimat keine Polizei. Sie wurde sexuell ausgenutzt. Ihre Freundin, 11 Jahre alt, war plötzlich verschwunden. Sie wurde getötet.

Die Gruppe bestand aus 200 Personen, davon waren 170 männlich und nur 30 weiblich. Ihr Freund verfolgte sie und wollte auch sie töten. Ihr Freund wurde bei einem Einsatz getötet. Eine Verwandte vermittelte sie hier hin. Sie möchte eine bessere Zukunft und hat daher ihre Familie verlassen. Ein pädagogischer Mitarbeiter erklärt uns, dass der Schutz der Kinder im Vordergrund steht. Sie begleiten sie bei ihrer Trauer und helfen sie wieder aufzubauen. Das gelingt durch pädagogische und psychologische Betreuung. Begleitend werden Aktivitäten und Workshops angeboten.

Durch Sport, Spiel, Karate, Musik, Kunst, Theater, Internet, Podcasts, praktische Arbeiten wie Brot backen, Wäsche waschen, Aufräumen, Gärtnern usw. entwickeln die Kinder in der neuen Gemeinschaft Stärke, Selbstvertrauen, Widerstandsfähigkeit, praktisches Wissen und kritisches Denken im Sinne von Paulo Freire. Terre des hommes in Osnabrück, Deutschland, ist seit 1967 aktiv auf Seiten der Kinder und unterstützt Benposta durch die Finanzierung des Projektes „Cultura par la Vida“/„Kultur für das Leben – Prävention und Schutz durch Partizipation von vom Konflikt betroffenen Kindern“.

Des Weiteren unterstützt Terre des hommes durch Teilnahme an Kampagnen, wie z.B. die jährlich wiederkehrende „Rote Hand“ Aktion gegen die Rekrutierung der Kinder als Soldaten oder als Mitglieder einer para-militärischen Gruppe. Projektname: Cultura para La Vida. Acciones de prevencion y protecci0n mediante la participaci0n de nifios y ninas afectados por el conflicto en Colombia - Segunda fase - Kultur für das Leben. Prevention und Schutz durch Partizipation von vom Konflikt in Kolumbien betroffenen Kindern. Projektpartner: Benposta Nacion de Muchachos. Webseite https://benpostacolombia.org/main-de (Weitere Bilder befinden sich in der Fotogalerie.)

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